Gerti Landwehrs Portraits entstehen nicht aus dem Wunsch, ein Gesicht naturgetreu wiederzugeben, sondern aus dem Bedürfnis, eine innere Resonanz sichtbar zu machen. Am Anfang steht bei ihr immer ein Moment der Berührung – ein Blick, eine Haltung, ein flüchtiger Ausdruck, der etwas in ihr in Schwingung versetzt. Diese visuellen Impulse begegnen ihr im Alltag, oft beiläufig, doch sie tragen eine emotionale Dichte, die zum Ausgangspunkt eines neuen Bildes wird.
Landwehr sammelt solche Eindrücke wie Fragmente: Situationen, Stimmungen, Gesten. Aus diesen visuellen Splittern formt sich ein inneres Bild, das sich nach und nach verdichtet, bis es klar genug
ist, um auf die Leinwand zu drängen. Erst dann beginnt der konkrete Arbeitsprozess. Sie entwickelt Skizzen, ergänzt intuitiv gewähltes Bildmaterial, kombiniert, verfremdet und abstrahiert. Der
spätere Ausdruck der Portraitfigur entsteht somit aus einer Verdichtung von Wahrnehmung, Erinnerung und innerer Projektion – weit über das Abbild einer einzelnen Person hinaus.
Die Leinwand wird bewusst gewählt: Format, Größe und Bildausschnitt müssen mit der inneren Erzählung des Portraits übereinstimmen. Die erste Anlage erfolgt direkt auf der Leinwand, meist mit
Grafit. Linien werden überprüft, Proportionen immer wieder korrigiert, bis das Spannungsfeld von Gesicht, Figur und Bildraum stimmig ist und die Farbe den Prozess übernimmt.
Ihre Malerei lebt von Gegensätzen: Figur und Abstraktion, Ruhe und Energie, grobe Spur und präziser Akzent. Landwehr arbeitet mit Pinseln, Spachteln, Gummischabern, gießt, schichtet und kratzt Farbschichten wieder an. Jede Lage bleibt als feine Transparenz oder Spur lesbar und steht in einem dialogischen Verhältnis zur nächsten. Schwarz setzt sie bewusst nicht ein; dunkle Töne entstehen durch vielschichtige Überlagerungen verschiedener Farbtöne, die Tiefe erzeugen, ohne die Härte eines reinen Schwarz zu haben. Diese Schichtenmalerei verleiht den Portraits eine vibrierende, atmosphärische Dichte.
Charakteristisch für ihren Stil sind die kraftvollen Pinselzüge und ungewöhnlichen Farbkombinationen. Farben, die auf den ersten Blick gegensätzlich erscheinen, finden in ihrem Malprozess zu
einer intuitiven Harmonie. Abstrakte Formen, wilde Flächen, gebrochene Linien und energische Spuren entstehen scheinbar nebenbei und bilden doch das Fundament der Bildwirkung. Aus dieser
vermeintlichen Grobheit und farblichen Verfremdung entwickeln sich Gesichter, die überraschend lebendig, sensibel und verletzlich wirken. Gerade diese Verbindung aus Kraft und Zartheit, aus
expressiver Geste und feinfühligem Ausdruck ist zu einem unverwechselbaren Merkmal ihrer Arbeiten geworden.
Die Farbwahl folgt einer starken Intuition, bleibt dabei aber reflektiert. Manche Entscheidungen fallen spontan, andere brauchen Abstand und ein erneuertes Sehen. Häufig wirkt die Natur auf ihre Palette ein: Sommer führt zu kräftigeren, leuchtenden Tönen, während Frühling und Herbst sich in gedämpfteren, gebrochenen Farben spiegeln – ähnlich wie Laub, Licht und Atmosphäre im Wandel der Jahreszeiten. Landwehr malt gern im Freien, und auch im Atelier ist sie durch große Glasfronten eng mit der Außenwelt verbunden, was sich in der Lichtführung und Farbigkeit ihrer Bilder niederschlägt.
Die oft großen Formate verlangen körperliche Bewegung. Aus der Nähe betrachtet wirkt die Malerei zunächst abstrakt, roh und farbintensiv; aus der Distanz fügt sich die Bildfläche zu einem
stimmigen, ausdrucksstarken Gesicht zusammen.
Deshalb wechselt Landwehr fortwährend Perspektive und Abstand: Sie tritt zurück, betrachtet das Ganze, nähert sich wieder der Leinwand und setzt den nächsten entscheidenden Pinselzug. Zu exaktes, glattes Malen vermeidet sie bewusst. Ein schneller, scheinbar grober Strich kann aus einigen Metern Entfernung zu einem hochsensiblen Ausdruck werden.
So entstehen Portraits, die lauter sind, als sie auf den ersten Blick erscheinen, und zugleich zarter, als man zunächst vermutet. Sie laden dazu ein, den Blick zu verlangsamen, Resonanz
zuzulassen und jene feinen Nuancen wahrzunehmen, die Begegnungen zwischen Menschen so kostbar machen. In Gerti Landwehrs Werk wird das Portrait zum Spiegel innerer Schwingungen – ein visuelles
Feld, in dem Stärke, Verletzlichkeit und Lebendigkeit zugleich sichtbar werden.